• Renatus

Fingerhut

Im Frühling im Garten, es wuchs erst wenig, und die ausgesäten Blumen keimten noch gar nicht, entdecke ich an vielen Stellen, ja fast überall, aber verstreut, lose kleine Rosetten von Laubblättern auf trockenen Stellen mit bloßer Erde. Ein helleres, blasses grün, etwas silbrig bepelzt. Die Blätter, nur zwei außen und ein bis zwei weitere innen folgend, noch kleiner.

Ich getraue mich sie nicht zu jäten– es könnte etwas Schönes daraus werden.

Später im Jahr wurden die Rosetten größer, die runden, etwas ovalen, an ihren Mittelrippen leicht eingefalteten Blätter wurden massiger, länger, die äußersten legen sich flacher an den Boden. Ein Haupttrieb bildete sich und wuchs rasch in die Höhe. Nur noch wenige, kleinere Blätter entlang des immer prominenter werdenden Triebes. Seitlich, am oberen Ende bildeten sich Knospen, bald so hochstehend, dass sie mir bis zur Brust gehen. Am Trieb nickten sie zu allen Seiten, noch grün. Nun standen diese Pflanzen teils so dicht, dass ich sie doch, einige wenigstens, entfernte, nur einig Gruppen stehen lassend, woanders alle jätend. Unter dem pelzig-filzigen Haarkleid der Blätter wirkten die Blätter nun kräftig und dunkler, ja sie schienen helle Flecken zu haben, oder dunklere Flecken? Etwas Tiefes wohnte ihnen jetzt inne und etwas Verborgenes, ja geheimnisvolles ging von der Pflanze aus.


Erst kurz bevor die Blüten aufgingen und ihr zartes Violett zeigten erkannte ich sie: Das Fingerhütchen!


Die „Hütchen“ neigen sich nach unten und nach außen. Aber wie genau? Man kann sich drehen und wenden wie man will, es mag nicht gelingen in sie hineinzuschauen. Die Blüte verbieg ihr inneres, obwohl der untere Teil, wie eine Glocke, weiter wird und sich nach außen hin öffnet. Aber gerade nur soviel, dass eine Art Drehung nach außen entsteht, eine kleine Hinwendung zur Umgebung, die aber mehr verspricht als gibt. Sie lädt in, lockt! Und zeigt sich dann doch nicht. Das wird noch verstärkt durch die dunklen Kreise welche auf dem Kelch wie Tropfen, vor allem unten, versprengt sind. Wie Bluttropfen, oder Rostflecken, wie Punkte der Konzentration. Wie die Augen auf Schmetterlingsflügeln. Nicht nur ein dunkler Punkt, sondern noch umrundet von einem hellen Kreis. Wachheitsmomente, aber verspielt und wie zufällig verstreut. Sie scheinen in die Blüte hineinzuführen- man will ihnen folgen, sehen wo diese Spur endet. Ja man vermutet ein Geheimnise, etwas spannendes weit drinnen, oben in dem Glockenkelch und wird aber nicht zugelassen, zum Heiligtum. Stattdessen wiederholt sich diese Verführung immerzu, von Blüte zu Blüte, Etage des Blühens zu Etage, und ganz rund um in alle Richtungen.





Gehen die ersten Blüten auf, ist der Spross an der Blütenachse merkwürdig gekrümmt. In sich schräg. Jede Pflanze macht diese Verbiegung anders. Es ist sehr rätselhaft warum diese Verbiegung überhaupt passiert. Wie Wachstumskrämpfe, eine Hemmnis im Wachstum, eine Stauung vorm Durchbruch zur vollen Größe. Ist das nötig? Und wenn, warum? Erst nahm ich diese gekrümmten Triebe gar nicht ernst, dachte, das wäre nur bei diesem einen beobachteten Exemplar der Fall, etwa, weil sie etwa durch den Wind verbogen sei. Aber nein, es zeigen alle. Es verschwindet erst, durch eine letzte Streckung ins Kerzengerade, wenn alle Blühten voll auf gehen. Dann steht sie hoch, mannshoch und aufrecht wie eine Königin. Aber nicht leuchtend, eher bescheiden und innerlich, fast unauffällig, trotz ihrer imposanten Größe und Blütenfülle. Das Violett ist eben eher eine innerliche Farbe, sie reizt nicht äußerlich, sondern fordert auf, innerlich rege zu werden, innerlich zu leuchten! Der Fingerhut leuchtet nach innen! In seiner Blütenform, der Geste seiner Erscheinung, also äußerlich, zeigt er aber dieses Innen nicht, sein Innen bleibt gestisch verbergend, kündend, einladend, abwartend, nickend, ein Versprechen auf den Lippen, erst am Aussprechen, sodass es – noch – in Geheimnis bleibt. Solch ein rätselhaftes „noch“, scheint in dieser Pflanze zur Geste geronnen.


Fingerhut wächst, wo sonst wenig wächst. Auf Schutthalden, Straßenrändern, umgebrochenem Boden, vernachlässigen Stellen, oder im Wald, nach Abholzung. Es ist somit immer schnell zur Stelle, wenn etwas mit dem Boden getan wurde – aber ohne etwas daraus zu machen, noch nicht daraus zu machen. Etwa im Wald, nachdem eine Lichtung geschlagen wurde, im nächsten Frühling wächst er überall, noch bevor die neuen Bäume wachsen, ja oftmals, noch bevor der alte Wald gänzlich abtransportiert wurde. Zeitlich gesehen, ist er Fingerhut eine Pflanze des dazwischen, eine Meister er Geistsgegenwart, immer eine Überraschung, ungeplant und uns, wie einen Moment voraus!

Fingerhut verschwindet dann auch wider, fast spurlos und oft unbemerkt, wenn andre Pflanzen am Ort Fuß fassen oder Kultivierung einsetzt. Dieses bescheidene, aber doch wache, das Nutzen des Augenblicks, bei absoluter Genügsamkeit, zeichnet es aus. Dabei scheint es zu gemahnen an etwas, was da ist und doch nicht da ist mit einer Geste des sich verstecken, aber dich kokettierendem sich zeigen wollens- aber eben nur etwas, nie ganz. Diese Bescheidenheit, Genügsamkeit, Wachheit und Zartheit, trotz aller Größe und Präsent, ist wunderbar zusammengefasst im Violett. Diese Farbe ist zart und doch kräftig, ist schön und doch auch unscheinbar. Es ist keine Farbe, die ins Auge springt, die aufmuntert oder einlädt sie als an ihr zu riechen, sie zu pflücken oder mitzunehmen um sie im Garten anzusiedeln. Das Bescheidene berührt uns eben auch zarter. Wir halten innen vor ihr du werden still. Nicht ganz, aber stiller, betrachtender und fühlen uns aufgerufen innezuhalten, eventuell zu lauschen, die Ruhe und Kraft dieser Waldeslichtung wahrzunehmen, oder das Aufrecht der „Kerze“ zu erleben oder dem Geheimnis der dunklen Flecken nachzuspüren, die einen plötzlich tief berühren können.



Der Kelch ist oben enger, unten bauchig erweitert, er neigt sich unten asymmetrisch nach außen, öffnet sich etwas, auch asymmetrisch, wie bei einem Saxophon, indem das näher am Zentral-Stängel liegende untere Ende größer ausbuchtet als das obere- nach außen gewandte. Es gibt damit etwas in die Umgebung, aber nimmt auch etwas aus ihr auf, sammelt, oder konzentriert es im obern Teil, dem Kopf des Hutes, ja dem oberen Hinterkopf der Blüte und reckt sich damit in die Höhe. Es wirkt fast so, als ob sie dadurch etwa wüsste ein A-ha Moment, da geht etwas auf! Der Fingerhut könnte, in seiner Geste, das verkörpern, was kurz vor einer Erkenntnis steht. Dieses nach innen wandern von Erlebtem, etwa eines Eindruckes, der wie nach innen umschlägt, wenn wir daran etwas verstehen, aber nicht als großen Effekt, eher wenn man ahnt – ja, darum könnt es gehen, es handelt sich um ein fühlendes, empfindendes Erkennen, Ahnungshaft und doch Wissen, aber eher Weise als Klug, eher ein Geschenk als ein selbst errungenes Eigentum. Und das gibt sie wiederum in ihre Umgebung hinein. Verfolgt man die Bewegung der Blütentraube, der Einzelblüten, neigten sich die Becher nach Unten-Außen, wie in einem Bogen, ergeben sich weit ausladende Bewegungsströme am Boden nach außen, in dem Umraum ausstrahlend, weit hinaus. Diese Geste, bewegt man sie innerlich mit, ist eine tiefe, das Gefühl und den Willen, wenige den Kopf ansprechende Bewegung der Verwurzelung und des gegründeten Seins am Ort. Auch hier klingt wieder ein Thema, das Fingerhut-Thema durch, pures Dasein ohne Ansprüche und dadurch, bescheiden aber ohne Zurückhaltung da sein, also Geistesgegenwart, eines, welches tiefes Verständnis hat für alles was in ihrem Umkreis lebt. Man kann an ihr vorbei gehen, sie nicht beachte, sie spricht einen nicht direkt an– wie etwa eine Sonnenblume oder eine Rose, lässt man sich aber auf sie ein, kommt einem eine zarte Berührung entgegen, ein Geheimnis, das man nun teilen darf, von Tiefe, von Geborgenheit im Jetzt und an diesem Ort, von „nutze den Tag“, aber nicht als strenge Auforderung, sondern als Lebensweisheit welche den Alltag, das Normale, auch das unordentliche und ungeordnete des Alltags durchtränkt und befrieden kann. Es ist das zeitlose Unendliche in der absoluten Gegenwart! Innere Ruhe und Ausgeglichenheit welche aber voll im Leben steht.

Diese Betrachtung soll ein erste von einer Reihe sein mit dem Titel „Schottland: ein Porträt in sein Pflanzen, Tieren und Landschaften“. Die Idee ist, in charakteristischen Naturdingen, welche dieses Land auszeichnet, charakterisiert, Schottland näher, seinem Wesen auf die Spur zu kommen. Fingerhut gibt es natürlich nicht nur in Schottland. Aber hier begegnet er mir anders, sodass ich das Gefühl habe, in dieser Landschaft findet er ganz sein Zuhause – und wenn ich ihn woanders treffe, etwa im Taunus in Deutschland auf einer frisch gerodeten Waldfläche – dann ist eben dieser Kahlschlag dort ein kleines Stück Schottland. „Schottland“ ist eben mehr als nur ein Territorium oder ein Naturraum, es ist auch ein innerer Ort, der überall sein kann, aber hier, in Schotland, sich ganz physisch zeigt, woanders aber auch – wenn auch nur etwas! Und selbst hier ist „Schottland“ eventuell nie ganz verwirklicht, sondern immer nur Aspekte von ihm. Und einer dieser Aspekte könnte der Fingerhut sein.

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